Die Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland

von Dr. Hans-Henning Hobohm


Warum haben wir und viele andere Christen das Bedürfnis, sich mit der Geschichte der Erweckungsbewegung zu befassen?

Menschen wollen wissen, wie und unter welchen Umständen die Erweckungsbewegung entstand und welche Gedanken sich unsere Väter und Mütter im Glauben damals gemacht haben und wie Gott in ihrem Leben wirken konnte.
Es ist heute noch zu spüren, welche Segensströme im geistlichen Leben des Siegerlandes nach wie vor von der Erweckungsbewegung, die schon vor ca. 300 Jahren begann,  ausgehen.
Alle evangelischen Gemeinden im Siegerland, und damit meine ich sowohl Kirchengemeinden als auch Gemeinschaften und Freikirchen, sind irgendwie von der Erweckungsbewegung geprägt. Diese Prägung sollte erhalten bleiben.
Die Betrachtung konzentriert sich im weiteren Verlauf vor allem auf die Gemeinschaftsbewegung. Aber auch auf die freien Gemeinden, Versammlungen und Freikirchen, die ebenfalls aus der Erweckungsbewegung hervorgegangen sind, werden wir einen Blick werfen. Vielleicht lernen wir auch aus der Rückschau, die Fehler der Väter, die es auch gegeben hat, zu vermeiden. Meine Quellen sind Jakob Schmidt „Die Gnade bricht durch“ , Wilhelm Neuser: „Die Erweckungsbewegung im Siegerland“ und Volker Heinrich „Der Kirchenkreis Siegen in der NS-Zeit“, Beiträge aus dem Kirchenlexikon und Erkenntnisse aus der Pietismusvorlesung von P. i.R. Ulrich Weiß.
Was versteht man nun eigentlich unter dem Begriff  der Erweckung?
Ich meine, es ist eine Bußbewegung, die viele Menschen erfasst. Einzelne Menschen erfahren die Nähe und Kraft Gottes und erkennen die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung. In der  Bekehrung  wird ein Richtungswechsel, eine Umprogrammierung des persönlichen Lebens vollzogen. Wenn dies bei vielen Menschen geschieht, sprechen wir von Erweckung. In der Schrift finden wir den Gedanken in Epheser 5, Vers 14: Wach auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten.
Ist der Begriff Erweckung nun identisch mit dem Begriff  Pietismus?  Nicht ganz. Der Pietismus ist eine theologische Haltung des deutschen Protestantismus im 17. und 18. Jahrhundert, der Erweckungsbewegungen in verschiedenen Teilen Deutschlands zur Folge hatte. Er ist gekennzeichnet durch eine besondere Frömmigkeit, deren wichtigste Elemente die Forderung nach einer bewusst erlebten  Bekehrung, eine persönlichen Beziehung zu Jesus, ein intensives Gebetsleben und ein Leben in der Nachfolge sind.   Es gibt  einen schwäbischen, preußisch-halle`schen, lutherischen, reformierten und schwärmerischen Pietismus. Hauptvertreter in Halle war August Hermann Franke. Er gründete dort die Frankeschen Stiftungen.
In die evangelische Kirche drangen zu gleichen Zeit Gedanken der Aufklärung und der Vernunft ein. Je stärker aber die Vernunftkräfte durch die Theologie im Menschen angesprochen wurden, umso intensiver wandte sich ein Teil der Menschen dem Pietismus zu. Die Bezeichnung Pietismus ging auf Andachten, collegia pietatis, zurück, die Phillip Jakob Spener  zwischen 1666 und 1686 in seinem Haus in Frankfurt/Main abhielt. Er wurde damit zum Begründer des lutherischen Pietismus. Später war er in Dresden und dann Probst an der Berliner Nikolaikirche, an der auch Paul Gerhardt wirkte. Bei Spener stellten sich in Frankfurt Prediger wie Hochmann von Hochenau und Dr. Heinrich Reitz ein, die das Feuer des Pietismus in das Siegerland trugen. Ersterer wirkte nachhaltig in Wittgenstein, Reitz im Siegerland bzw., wie man damals sagte, in Nassau.
Dazwischen müssen wir noch die Radikal-Pietisten Gottfried Arnold und Heinrich Horche sowie den Mystiker Terstegen erwähnen. Sie waren starke Kirchenkritiker und hielten die Kirche für Babel. Arnold wirkte 1697 als Professor der Geschichte in Gießen, danach lebte er in Quedlinburg. Er befürwortete Hausversammlungen, die als Konventikel damals verboten waren. Horche wurde 1690 an die Hohe Schule nach Herborn in Nassau, zu dem ja das Siegerland damals gehörte, berufen. Sie hatte 4 Fakultäten. Hier wurde der theologische Nachwuchs für die calvinistischen Gebiete, insbesondere für Nassau ausgebildet. Horche lehnte den Kirchgang ab und hatte Zweifel an der Praxis der Kindertaufe und des Abendmahls. Da er den kirchlichen Frieden störte, wurde er des Landes verwiesen. Arnold und Horche waren Wegbereiter des Separatismus, während Terstegen sagte, das tote Babel ist in dir, er wollte in der Kirche bleiben. Der Pietismus stand mit Heinrich Horche vor der Tür des Siegerlandes.

Die Erweckung in Nassau-Siegen und Wittgenstein im 18. Jahrhundert

Reitz wurde von der Fürstinwitwe, Ernestine Charlotte von Nassau-Siegen und dem Konsistorium 1703  zum Rektor der Lateinschule in Siegen, dem Vorläufer des Gymnasiums am Löhrtor,  berufen. Ernestine Charlotte war eng befreundet mit der Fürstin von Wittgenstein, Hedwig Sophie, bei der sie Dr. Reitz kennen gelernt hatte. Dieser predigte 1699  ca. 6 Wochen in Berleburg ohne rechten Erfolg. Im Wittgenstein förderten  Gräfin Hedwig Sophie und  Graf Heinrich Albrecht v. W. in Laasphe die Ausbreitung des Pietismus in ihrem Lande, indem sie  die anderenorts wegen „separatistischer“ Umtriebe verfolgten Frommen bei sich aufnahmen und u.a. in Schwarzenau ansiedelten. Hier sammelte sich um 1708 eine Gruppe von 8 Personen, deren führender Kopf Alexander Mack war. Sie tauften ihre Mitglieder in der Eder. Die Gruppe wanderte später nach den USA aus und gründeten hier die Kirche der Brüder. In der „philadelphischen“ Gemeinde in Berleburg kam es Ostern 1700 zu extremen Erscheinungen wie Ekstase und geistlichem Lachen, Erscheinungen, wie wir sie beim Torontosegen vor einigen Jahren kennen gelernt haben. Der Bruder der Gräfin Hedwig Sophie, Graf Rudolf machte im April 1700 diesen  Ereignissen ein Ende.
Reitz dagegen sammelte die schon vorhandenen Gläubigen in seinem Hause oder in Häusern der Siegener Bürger Clemens Hampe und Irle in der Marburger Strasse zu Erbauungsstunden. Es sind dies die ersten urkundlich belegten  öffentlichen  Hausversammlungen im Jahre 1704 in Siegen. Beschwerden der Amtskirche und Gegnerschaft des jungen  Fürsten Friedrich Wilhelm Adolf führten dazu, das Reitz schon nach einem Jahr als Leiter der Lateinschule  wieder abgesetzt wurde. Die Behörden versuchten mit Verwaltungsmaßnahmen mit dieser „pietistischen Sekte“ fertig zu werden. Das Feuer der Erweckung war aber nun einmal entfacht, und so pilgerten die Frischbekehrten nach Berleburg zu Hochmann, um das „Woerrt“ zu hören. In Berleburg kam es um 1742  zur Bildung einer „Inspirierten Gemeinde“ unter der wohlwollenden Förderung von Graf Casimir. Sie gab die Berleburger Bibel, eine sehr genaue Übersetzung mit Kommentaren heraus. Hauptübersetzer war sicher der Hauptpastor Schäfer Von der Amtskirche wurden die Erweckten Separatisten genannt, obwohl es noch ca. 150 Jahre dauern sollte, bis eine Separation in Form von Freikirchen erfolgte. Reitz blieb trotz seiner Absetzung der Fürstin Emilie Charlotte  verbunden. Sie sorgte dafür, das er in ihrem Wittum in Terborg Asyl erhielt.
Trotz der Bekämpfung und des persönlichen Druckes nahm die Bewegung je länger je mehr aber zu.  Auf der Meinhard in Weidenau kam es aber schon 1764 zur Bildung einer ersten separatistischen Gemeinde. Ihr „Glaubensbekänntniß“ ist überliefert. Sie hielten sich vom Gottesdienst fern und mussten deshalb eine Strafe zahlen.
Um 1790 gehören den Erweckten  schon  10 % der Bevölkerung an.  Der Gewerke Münker zu  Ferndorf war um 1760 wegen der in seinem Haus stattfindenden Versammlungen zur Entgegennahme einer  Rüge aufs Amt bestellt worden. Da ist er zu Fuß nach dem Haag in Holland gegangen und hat in einer Audienz dem Fürsten von Nassau-Oranien, Wilhelm dem V. , der auch Generalstatthalter der Niederlande war, alles erzählt. Danach hatten die Erweckten etwas Ruhe. Seit 1780 ließ man die Erweckten ungestörter.
In ihrem Leben, ihrer Lehre und in ihren Zusammenkünften   zeigt sich ein mehr oder weniger starker Zug zum Mystizismus. Laut Lexikon ist M. eine irrationale Geisteshaltung, die Erkenntnisse sucht, die weder in den Bereich religiösen Erlebens gehören, noch verstandesmäßiger Prüfung standhalten. Selbst in der Gegenwart tritt uns diese Geisteshaltung in Form von Esoterik und Anthroposophie  entgegen.  Ein Vertreter der Mystik war auch der bekannte Tersteegen aus Mülheim.  Tersteegens Einfluss im Siegerland macht sich etwa von 1750 an bemerkbar.  Einer seiner Schüler war Johann Christian Stahlschmidt (1740-1824) aus Freudenberg. Er machte auch im Siegerland die Schriften Tersteegens bekannt. Tersteegen hatte jedenfalls 1736 Berleburg besucht, wo die mystisch-philadelphische Gesellschaft und mit ihr die Gräfin Hedwig Sophie zu seiner Lehre standen.  Der große Siegerländer Sohn Heinrich Jung-Stilling gehörte auch zu den Erweckten. Jakob Schmidt schreibt von ihm, dass er sich besonders darin als Bruder zeigte, dass er Schäden aufdeckte und seinen Brüdern, den Pietisten, brüderliche Wahrheiten sagte.  Neben der Gefahr der Schwärmerei und der ungesunden Mystik war es vor allem die unbrüderliche falsche Enge und die lieblose Splitterrichterei, die ihn auf den Plan riefen. „Wer ein wahrer Knecht Gottes sein will, der sondere sich nicht von den Menschen ab, sondern bloß von der Sünde.  An der allgemeinen so nötigen Einheit des Geistes unter allen christlichen Parteien ist nichts so hinderlich wie das Splitterrichten.“ Damit meinte er wohl den Splitter in des Bruders Auge, von dem Jesus schon in der Bergpredigt spricht: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

Zusammenfassend stellen wir fest: Die Zeit zwischen 1700 und 1800 ist von Wittgensteiner und Tersteegens Einflüssen geprägt. Die erste Hausversammlung, damals Konventikel genannt, gründete Pfarrer Reitz 1704.  Erweckungen hat es auch damals schon im kleineren Rahmen gegeben, sie bereiteten den Boden für die kräftigen Erweckungen des 19. Jahrhunderts.

Die Erweckungen im Siegerland im 19. Jahrhundert

Weitere Zeugen Jesu im Siegerland waren ab 1829 Heinrich Weisgerber aus Trupbach und ab 1830 Tillmann Siebel aus Freudenberg. Weisgerber, der von 1798 bis 1868 lebte, wirkte vor allem in Eisern. Geboren ist er in Trupbach. Die „Mucker“, wie man die entschiedenen Christen nannte, versammelten sich in Privathäusern, weil das Treffen in kirchlichen oder öffentlichen Gemeinschaftsräumen verboten war. Es wurden bedeutende Kollekten zusammengelegt, wobei der geringste Betrag nicht unter 5 Silbergroschen betrug. Man verwandte sie für Kleidungsstücke für die Armen, damit sie zu den Versammlungen kommen konnten. In den abendlichen Erbauungsstunden konnte es auch  lebhaft zugehen, weil wegen Meinungsverschiedenheiten über Gegenstände der Religion heftig disputiert wurde. Weisgerber wirkte überwiegend in der Mitte und im Osten des Siegerlandes. Er rückte die eigene Bibelauslegung  in den Mittelpunkt der Erbauungsstunde und verband den Ruf zur Bekehrung mit der Forderung nach Heiligung. Er predigte zunächst fast überall  im Siegerland und Dillenburg und hatte zwischen 1830 und 1835 dadurch erreicht, dass in diesem Gebiet zahlreiche Erbauungsversammlungen als ständige Einrichtungen geschaffen wurden.
Im langjährigen Superintendenten  Johann Friedrich Bender war der Erweckungsbewegung jedoch ein entschlossener Gegner erwachsen, der ab 1834 mit Berichten an die Obrigkeit usw. besonders Weisgerber das Leben schwer machte. Ihm wurde bei einer Geldstrafe von 5 Talern für jede Predigt gedroht: Die Versammlungen sollten aufhören. Der freie biblische Vortrag war unmöglich gemacht. Kirchlich – staatliche Polizeimaßnahmen brachten die Erweckungsbewegung in eine Krise. Weisgerber wurde verhört und  verwarnt, einmal auch aus dem Fürstentum Nassau-Dillenburg nach Siegen abgeschoben. Es wurden nur Hausgottesdienste und eine christliche Hausgemeinschaft gestattet. Weisgerber fuhr nun nicht mehr über Land, sondern hielt seine Erbauungsstunden nur in Eisern in seiner Wohnung. Hier gründete er eine christliche Hausgemeinschaft, was mit großen Problemen verbunden war. Heute nennt man so etwas WG.
1848 erließ der preußische Staat das Versammlungsrecht d.h. es wurde die Versammlungsfreiheit verfassungsrechtlich eingeführt, woraufhin die Erweckungsbewegung einen neuen Aufschwung nahm. Nunmehr ging Weisgerber wieder hinaus in andere Dörfer.
Gleichzeitig wirkte der schon erwähnte Tillmann Siebel. Er war von Beruf Gerber und wirkte in Freudenberg. Siebel war ein Neffe von Stahlschmidt und stammte aus einem frommen, pietistisch-reformiertem Elternhaus. Er übernahm die Werkstatt seines Vaters. Auf seinen zahlreichen Geschäftsreisen  kam er auch  ständig nach Wuppertal und brachte wie auch andere Unternehmer die Ideen der Erweckungsbewegung um 1822 nach Freudenberg. So ist die Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert geschichtlich gesehen zweifellos ein Ableger der Erweckung im Wuppertal, während die Vorläuferbewegungen im 18. Jahrhundert wie gesagt aus Wittgenstein oder Mülheim kamen. Siebels  Haus war der Mittelpunkt großer Geselligkeit. Er und seine Frau sammelten in sogenannten Lesevereinen  Gleichgesinnte zur gemeinsamen Andacht. Ab 1832 nannten sich diese Vereine Missionshilfsvereine. Die Bezeichnung Frauenmissionsverein stammt vielleicht noch aus dieser Zeit. In diesen Vereinen hatten die Erweckten eine Rechts- und Lebensform gefunden, die ihre Selbständigkeit gegenüber der Amtskirche stärkte aber von Kirche und Staat anerkannt waren. Diese Versammlungen standen in gewisser Konkurrenz zu den Gottesdiensten der Amtskirche. Trotzdem blieb Siebel und alle seine Nachfolger in der Kirche und versuchten sie von innen heraus  gleichsam als eine innere Mission zu erneuern. Jeder Verselbständigung von Erbauungskreisen zu Freikirchen trat er energisch entgegen. Er besuchte häufig, oft zusammen mit dem Landwirt Johannes Spies aus Oberschelden die Versammlungen und predigte dort.
Freilich  kamen von Wuppertal noch andere als die christlich-reformierten Einflüsse ins Siegerland, auch die schon erwähnte  pietistische Richtung, die als Mystizismus bezeichnet wird, fand, wie erwähnt,  in jenen Jahren um 1834 in Weisgerber ihren Hauptvertreter. Durch Weisgerbers rege Wirksamkeit verbreiteten sich die Erbauungsversammlungen im Siegerland so, dass bald keine Gemeinde mehr ohne sie war. Es kam 1834 zu einer Spaltung der Erweckungsbewegung über die Fragen Rechtfertigung und Heiligung. Weisgerber  legte bei seiner Verkündigung allen Nachdruck auf die Heiligung, während die Freudenberger um T.Siebel die Lehre von der freien Gnade Gottes vertraten. Erst nach Weisgerbers Tod 1868 vereinigten sich die beiden Richtungen wieder. Bis dahin gab es an manchen Orten 2 Versammlungen. Ähnlich verlief die Entwicklung in Wuppertal. Hier bildeten sich 2 große Vereinigungen, die sich beide die Verbreitung des Evangeliums zum Ziel gesetzt hatten. Die eine war die „Evangelische Gesellschaft für Deutschland“, 1848 entstanden, die andere war der „Evangelische Brüderverein“ unter Grafe und Brockhaus, 1850 ins Leben gerufen. Die Siegerländer konnten sich für beide nicht entscheiden, vor allem nicht für den Brüderverein, weil der stark in Richtung Freikirche marschierte. Um diese Wuppertaler Spaltung im Siegerland zu vermeiden, kam es 1852  maßgeblich auf Initiative von Tillmann Siebel zur Gründung eines eigenen Verbandes, des „Vereins für Reisepredigt“. Die Kirche lehnte zunächst  dieses Vorhaben ab und stellte keine Theologen als Prediger zur Verfügung. So war der Verein gezwungen, eigene Prediger, die sich  zunächst Diakone nannten, einzustellen. Der erste Reiseprediger war Pfarrer Ringsdorf aus Vollmarstein. Mehr und mehr machte sich auch die Notwendigkeit bemerkbar, eigene Versammlungshäuser zu bauen. So  wurde 1880 das  Vereinshaus Hammerhütte gebaut. Als Tillmann Siebel  1875  starb, hinterließ er ein großes Werk, ein Werk, das bei aller Freude seinen Nachfolgern auch Sorgen und Nöte auferlegte.  Die Auseinandersetzungen  zwischen der ev. Gesellschaft und dem ev. Brüderverein  wirkten sich auch im Siegerland aus und führten im Dezember 1852 zur Abspaltung der darbystischen Versammlungen ( Hauptvertreter Carl Brockhaus und Carl Wilhelm Alberts) auch Brüdergemeinden genannt, von dem großen Strom der Erweckungsbewegung, während andere sich den neu entstandenen freien Gemeinden anschlossen. Die meisten Gemeinschaften oder Versammlungen blieben jedoch  bei dem Verein für Reisepredigt.  Die Brüdergemeinden oder Christlichen Versammlungen wurden im 3. Reich verboten,weil sie keinen Namen und keine klaren Strukturen  hatten, wurden dann unter dem Namen BfC = Bund freikirchlicher Christen wieder zugelassen, weil sie sich 1941  freiwillig mit den Baptisten zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden vereinigt hatten. Einige Brüder machten diese Vereinigung nicht mit und gingen in den Untergrund. Nach dem Krieg führten sie unter der Bezeichnung „alte Versammlung“ ihr eigenständiges Gemeindeleben fort. Mehr dazu berichtet Dr. Heinemann in seinem neuen Buch über die Geschichte der Weststr.-Gemeinde. Die F. E.G. in der Grafestrasse  entstand erst um 1900.
Zurück ins Jahr 1853. Die Einheit der Erweckungsbewegung war nun endgültig dahin. Außerdem kam es mit der Kirche wieder zu Auseinandersetzungen über das Abendmahl. Der Verein für Reisepredigt wollte eigene  Abendmahlsfeiern anbieten, was die Kirche nicht gern sah. Nach Tillmann Siebel leitete dessen Neffe Jakob Gustav Siebel, später dessen Bruder Friedrich Albert Siebel und von 1903 bis 1938  Jakob Gustav Siebel der Jüngere  den Verein. Seit 1938 führte der uns noch bekannte Rektor Jakob Schmidt den Vorsitz. Auch als Folge von Streitigkeiten zwischen Gemeinschaften und Kirche wurde das Jahresfest seit 1885 nur noch im Vereinshaus Hammerhütte gefeiert. Von der Jahrhundertwende an normalisierte sich das Verhältnis mehr und mehr zu einem friedlichen Miteinander.

Die Entstehung und Entwicklung des CVJM

Bisher haben wir uns noch in keiner Weise mit dem CVJM befasst. Er ist auch ein Kind der Erweckungsbewegung. Der erste „Jünglingsverein“ im Siegerland war der im Jahre 1849 entstandene Kreis um die Bibel in  Freudenberg . Dieses Konventikel d.h. verborgene Zusammenkunft , das sich Jünglingsverein nannte, hat sich 80 Jahre erhalten. Ab 1878 entstanden Jünglingsvereine neuerer Art. Der erste CVJM in Siegen wurde 1858 in der Höhstrasse gegründet.
In Seelbach entstand 1895 der erste Jünglings- und Männerverein.  Es wurden fast in jedem Ort, wo Gemeinschaften bestanden, auch Jünglingsvereine gegründet, weil man dadurch hoffte,  an die fernstehenden  jungen Leute besser heran zu kommen. Wir sehen also gewisse Parallelen zu unseren heutigen Problemen.

Die Gemeinschaftsbewegung im 20. Jahrhundert

Wie schon gesagt, kam es von Anfang des 20. Jahrhundert an so nach und nach  zu einem gutem, harmonischem Miteinander von Kirche und Gemeinschaftsbewegung. Eine harte Bewährungsprobe für dieses Verhältnis kam durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den damit verbundenen Kirchenkampf. Meine Quellen Wilhelm Neuser und Jakob Schmidt schweigen sich zu diesem Thema eigentümlich aus. Eine große Rolle spielte im Kirchenkampf der Gnadauer Verband , ein Verband, in dem sich  die der Kirche nahestehenden Gemeinschaftsverbände zusammengeschlossen hatten. Ausführlich wird diese Problematik in einem Beitrag zur westfälischen Kirchengeschichte „ Der Kirchenkreis Siegen in der NS-Zeit“ von Volker Heinrich dargestellt. Ich kann diesen Zeitraum hier nur ganz gerafft darstellen. Für eine gründliche Analyse wäre ein eigener Abend erforderlich.
Im Gegensatz zu früher wurde nach der Machtergreifung  bei den verschiedenen Wahlen vom Vorstand des Vereins für Reisepredigt keine Empfehlung für eine bestimmte Partei mehr ausgesprochen  So betonte  der Vorsitzende, Jakob Gustav Siebel auf der Generalversammlung  1934, dass der Verein keine politische Aufgabe habe, sondern berufen sei, das Evangelium zu verkündigen.
Aber zunächst waren auch alle führenden Leute des Vereins voll auf Hitler abgefahren. Siebels Bruder, Walther Alfred Siebel, ein treuer kirchlicher Presbyter aus Freudenberg und Kreispräses des CVJM, der den Verein für Reisepredigt nach außen, also im Gnadauer Verband und in den Organen der Kirche vertrat, bezeichnete im Evangelisten den politischen Umbruch 1933 als „Wunder Gottes“.
Anlässlich der Volksabstimmung  zum Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund formulierte Jakob Schmitt:
„Darum stellen wir uns geschlossen hinter unseren Kanzler und sagen: Mit dir wollen wir es halten, du Sohn und Führer unseres Volkes! Das tun wir auch äußerlich, indem wir am 12. November das ja auf den Zettel schreiben und es so der Welt wissen lassen, wir stehen zu unserem Volk, wir stehen zu  unserer Regierung.“  Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ versuchte, sich auch  die Gemeinschaftsbewegung  einzuverleiben und diese gleichzuschalten. Kurzzeitig hatten die Deutschen Christen auch eine Mehrheit im Vorstand des Gnadauer Verbandes hinter sich gebracht. Nach skandalösen Äußerungen auf  der Tagung der Deutschen Christen am 13.11. 1933 im Berliner Sportpalast (die DC hatten dort beschlossen, dass „die Landeskirchen sich freimachen von allem Undeutschen in Gottesdienst und Bekenntnis, insbesondere vom Alten Testament  und seiner jüdischen Lohnmoral“ ) rief die DC-kritische Minderheit im Vorstand des Gnadauer Verbandes, zu der auch der Kreispräses der Siegerländer Jünglingsvereine W.A. Siebel gehörte, zur Trennung von den Deutschen Christen auf. In diesem Sinne entschied dann auch der Vorstand des Gnadauer V., keine weiteren Verhandlungen mit der staatlich verfassten Deutschen Evangelischen Kirche= D.E.K. mehr zu führen und an dem bisherigen Verhältnis zwischen Kirche und Gemeinschaft nichts zu ändern. Damit war die Krise , welche durch die kurzzeitige Annäherung an die DC im Gnadauer Verband entstanden war, überwunden und hatte der Gnadauer Verband wieder zu sich selbst gefunden. Die Siegerländer Gemeinschaften waren in dieser Zeit  vor einer organisatorischen Bindung an die Deutschen Christen bewahrt geblieben und konnten ihre Arbeit wie bisher fortsetzen.
Harte Kämpfe gab es auch um die Eingliederung der evangelischen Jugendverbände. Hierzu und zum Verhalten der ev. Kirche  wäre wie gesagt  ein eigener Abend erforderlich. Material hierzu gibt es genügend. Mir liegt  eine Broschüre des CVJM- Kreisverbandes „Zwischen Widerstand und Anpassung“ vor und die sehr gute Arbeit von Volker Heinrich.
Abschließend sei über diese Zeit stark zusammengefasst folgendes gesagt: Die reformierte Kirche  kämpfte gegen ihre Gleichschaltung. Die bekennende Kirche war im Siegerland fest verankert und die Gemeinschaften standen hinter ihr, wollten sich aber organisatorisch nicht einbinden lassen. Die BK hatte Parallelstrukturen aufgebaut z. B. eigene Predigerseminare.  Dies wurde 1937 verboten. Die Deutsche Evangelische Kirche und der Reichskirchenminister Kerrl versuchten auf Reichs- und Landeskirchenebene sogenannte Kirchenausschüsse einzusetzen. Diese sollten die vorhandenen Kirchenleitungen, in Westfalen hieß diese Bruderrat, ersetzen. Die Westfalen wehrten sich lange gegen die Einsetzung eines Provinzial-Kirchenausschuss. Man einigte sich dann auf die Linie, dass der PKA nur verwaltend und juristisch tätig werden sollte, die eigentliche Kirchenleitung, vor allem die geistliche Leitung nach wie vor beim Bruderrat mit Präses Koch an der Spitze lag.
Zurück zu den Gemeinschaften: Es gab auch welche, deren Mitglieder zum Teil Deutsche Christen waren. Diese organisierten sich auch in einem Ausschuss für Gemeinschaftswesen in der DEK. Widerstand gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung  aus Gemeinschaftskreisen blieb auf Einzelstimmen beschränkt. Und auch in der Kirche wurde der Arierparagraph nur für den  eigenen Bereich, d.h. für jüdische Christen heftig abgelehnt, während man ihn für den Bereich des Staates gelten ließ. Der Arierparagraph schloss Juden von den meisten Berufen aus. Die Kirche wirkte indirekt an diesem System mit, weil sie ihre Kirchenbücher ohne Widerspruch für die Ariernachweise zur Verfügung stellte. Aber gleichzeitig ergriff der Staat Maßnahmen, um die Sicherung der in den Kirchenbüchern vorhandenen Aufzeichnungen zu gewährleisten und unerwünschte Benutzung oder Manipulation derselben auszuschließen. Da Datenschutz im heutigen Sinne nicht galt, hätte der Staat die Herausgabe der Angaben erzwingen können.
Die ev. Kirchen und der Bund ev. freik. Gemeinden haben inzwischen zur Judenfrage  ein Schuldbekenntnis abgelegt. Vom Gnadauer Verband ist mir solches nicht bekannt.
Abschließend möchte ich der Hoffnung Ausdruck geben, dass die gute  Zusammenarbeit zwischen Gemeinschaften und Kirchen, die sich im 20. Jahrhundert herausgebildet hatte, erhalten bleibt. Durch die enge Zusammenarbeit  wird das Gedankengut der Erweckung weiter in die Kirchen getragen und auch fernstehende Menschen in die Nachfolge gerufen. Erweckung tut Not, heute erst recht, wir sollten gemeinsam daran arbeiten.

Siegen, den 31.1.2003     


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